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Gësúar!


Fotografien in Albanien, Christiane Burwitz


Lautes Stimmengewirr, hupendes Autos – Menschen, die ohne zu gucken über die 4 spurige Straße gehen, knapp das Fahrrad verfehlen, auf dem ein Vater mit seinen beiden Kinder von der Schule nach Hause fährt. Frauen, die mit ihren Einkauftüten einfach stehenbleiben, um miteineander zu erzählen.
Es ist wie ein Ameisenhaufen – bei dem Außenstehende denken, dass hier das völlige Chaos herrscht – aber dieses Aufeinandertreffen tatsächlich funktioniert. Ich nehme mir viel Zeit, um das Straßengeschehen zu beobachten und zu verinnerlichen. (…) Einige Tage später bekomme ich eine Einladung von Dritans Eltern. Als ich eintrete, reicht mir sein Vater die Hand – ich greife zu – in diesem Moment zieht er meine Hand zu sich heran – ich stolpere einen Schritt auf ihn zu – dann stößt er meine wieder von sich weg. ICH VERSTEHE NICHTS! Er bittet mich, auf der Couch Platz zu nehmen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich als erste schon setzen sollte und frage noch mal nach. Er deutet mit der Hand auf die Couch und schüttelt den Kopf. Also soll ich mich noch nicht setzen. Bis ich denn begreife, dass ich mich endlich setzen soll. Denn das Kopfschütteln bedeutet in Albanien JA und das Nicken NEIN. Der Tisch ist voll gedeck. Die Mutter hatte extra einen Kuchen gebacken und serviert ihn in ihrer schönsten Garderobe. Alle sind noch sehr verhalten. Dann holt der Vater ein Fotoalbum aus dem Schrank. Er sagt, dass sei sein privates Fotoalbum mit all seinen Lieblingsbildern. Er erzählt von seiner Tochter, die in Italien lebt und zeigt mir die dazugehörigen Bilder. Plötzlich entdecke ich ein Foto, auf dem seine Tochter die Zunge rausstreckt. Ich muss laut anfangen zu lachen, dann lacht der Vater und dann die ganze Familie. Mir fallen wieder Dritans Worte ein, der am ersten Tag meiner Ankunft sagte: »Wenn ein Albaner innerhalb weniger Minuten mit Dir zusammen lachen kann, seid ihr Freunde – ansonsten nicht.« Ich bekomme ein Glas Raki in die Hand gedrückt, der Vater erhebt sich und sagt: »Gësúar!« (Auf Euer Leben!)

Nach 3 Wochen trete ich die Heimreise an. Im Gepäck 4 Liter RAKI, jede Menge Erinnerungen und vor allem viele Bilder im Kopf.
In diesem Sinne – Gësúar!